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R.M. Rilke

Duineser Elegien

 

Die achte Elegie

 

Rudolf Kassner zugeeignet

 

    Mit allen Augen sieht die Kreatur

    das Offene. Nur unsre Augen sind

    wie umgekehrt und ganz um sie gestellt

    als Fallen, rings um ihren freien Ausgang.

    Was draußen ist, wir wissens aus des Tiers

    Antlitz allein; denn schon das frühe Kind

    wenden wir um und zwingens, daß es rückwärts

    Gestaltung sehe, nicht das Offne, das

    im Tiergesicht so tief ist. Frei von Tod.

    Ihn sehen wir allein; das freie Tier

    hat seinen Untergang stets hinter sich

    und vor sich Gott, und wenn es geht, so gehts

    in Ewigkeit, so wie die Brunnen gehen.

 

        Wir haben nie, nicht einen einzigen Tag,

 

    den reinen Raum vor uns, in den die Blumen

    unendlich aufgehn. Immer ist es Welt

    und niemals Nirgends ohne Nicht: das Reine,

    Unüberwachte, das man atmet und

    unendlich weiß und nicht begehrt. Als Kind

    verliert sich eins im Stilln an dies und wird

    gerüttelt. Oder jener stirbt und ists.

    Denn nah am Tod sieht man den Tod nicht mehr

    und starrt hinaus, vielleicht mit großem Tierblick.

    Liebende, wäre nicht der andre, der

    die Sicht verstellt, sind nah daran und staunen...

    Wie aus Versehn ist ihnen aufgetan

    hinter dem andern... Aber über ihn

    kommt keiner fort, und wieder wird ihm Welt.

    Der Schöpfung immer zugewendet, sehn

    wir nur auf ihr die Spiegelung des Frein,

    von uns verdunkelt. Oder daß ein Tier,

    ein stummes, aufschaut, ruhig durch uns durch.

    Dieses heißt Schicksal: gegenüber sein

    und nichts als das und immer gegenüber.

 

    Wäre Bewußtheit unsrer Art in dem

    sicheren Tier, das uns entgegenzieht

    in anderer Richtung –, riß es uns herum

    mit seinem Wandel. Doch sein Sein ist ihm

    unendlich, ungefaßt und ohne Blick

    auf seinen Zustand, rein, so wie sein Ausblick.

    Und wo wir Zukunft sehn, dort sieht es Alles

    und sich in Allem und geheilt für immer.

 

    Und doch ist in dem wachsam warmen Tier

    Gewicht und Sorge einer großen Schwermut.

    Denn ihm auch haftet immer an, was uns

    oft überwältigt, – die Erinnerung,

    als sei schon einmal das, wonach man drängt,

    näher gewesen, treuer und sein Anschluß

    unendlich zärtlich. Hier ist alles Abstand,

    und dort wars Atem. Nach der ersten Heimat

    ist ihm die zweite zwitterig und windig.

 

        O Seligkeit der kleinen Kreatur,

 

    die immer bleibt im Schooße, der sie austrug;

    o Glück der Mücke, die noch innen hüpft,

    selbst wenn sie Hochzeit hat: denn Schooß ist Alles.

    Und sieh die halbe Sicherheit des Vogels,

    der beinah beides weiß aus seinem Ursprung,

    als wär er eine Seele der Etrusker,

    aus einem Toten, den ein Raum empfing,

    doch mit der ruhenden Figur als Deckel.

    Und wie bestürzt ist eins, das fliegen muß

    und stammt aus einem Schooß. Wie vor sich selbst

    erschreckt, durchzuckts die Luft, wie wenn ein Sprung

    durch eine Tasse geht. So reißt die Spur

    der Fledermaus durchs Porzellan des Abends.

 

    Und wir: Zuschauer, immer, überall,

    dem allen zugewandt und nie hinaus!

    Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.

    Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.

 

    Wer hat uns also umgedreht, daß wir,

    was wir auch tun, in jener Haltung sind

    von einem, welcher fortgeht? Wie er auf

    dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal

    noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt –,

    so leben wir und nehmen immer Abschied.

 

[Rilke: Duineser Elegien. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 3229 (vgl. Rilke-SW Bd. 1, S. 714 ff.)]

 

 

Parmenides aus Elea

Fragmente

Aus: Über die Natur 

    1. Das Rossegespann, das mich fährt, zog mich fürder, soweit ich nur wollte, nachdem es mich auf den vielgerühmten Weg der Göttin geleitet, der den wissenden Mann durch alle Städte führt. Dort also ging meine Fahrt; dort fuhren mich nämlich die vielverständigen Rosse, die den Wagen zogen, und die Mädchen wiesen den Weg. Die Achse knirschte sich heißlaufend in den Naben mit pfeifendem Tone (denn sie ward beiderseits von zwei wirbelnden Kreisen beflügelt), wenn die Heliadenmädchen, welche das Haus der Nacht verlassen und nun den Schleier von ihrem Haupte zurückgeschlagen hatten, die Fahrt zum Lichte beeilten. Da steht das Tor, wo sich die Pfade des Tages und der Nacht scheiden; Türsturz und steinerne Schwelle hält es auseinander; das Tor selbst, das ätherische, hat eine Füllung von großen Flügeltüren; die wechselnden Schlüssel verwahrt Dike, die gewaltige Rächerin. Ihr nun sprachen die Mädchen mit Schmeichelworten zu und beredeten sie klug, ihnen den verpflöckten Riegel geschwind von dem Tore zu stoßen. Da sprang es auf und öffnete weit den Schlund der Füllung, als sich die erzbeschlagenen Pfosten, die mit Zapfen und Dornen eingefügten, nach einander in ihren Pfannen drehten. Dorthin mitten durchs Tor lenkten die Mädchen stracks dem Geleise nach Wagen und Rosse. Da nahm mich die Göttin huldreich auf. Sie ergriff meine Rechte und sprach mich mit folgendem Worte an: Jüngling, der Du unsterblichen Lenkern gesellt mit dem Rossegespann, das Dich trägt, unserem Hause nahst, sei mir gegrüßt! Kein böser Stern leitete Dich auf diesen Weg (denn weit ab fürwahr liegt er von der Menschen Pfade), sondern Recht und Gerechtigkeit. So sollst Du denn alles erfahren: der wohlgerundeten Wahrheit unerschütterliches Herz und der Sterblichen Wahngedanken, denen verläßliche Wahrheit nicht innewohnt. Doch wirst Du trotzdem auch das erfahren, wie man bei allseitiger Durchforschung annehmen müßte, daß sich jenes Scheinwesen verhalte.

    Doch von diesem Wege der Forschung halte Du Deinen Gedanken fern und laß Dich nicht durch die vielerfahrene Gewohnheit auf diesen Weg zwingen, [nur] Deinen Blick den ziellosen, Dein Gehör das brausende, Deine Zunge walten zu lassen: nein, mit dem Verstande bringe die vielumstrittene Prüfung, die ich Dir riet, zur Entscheidung. Es bleibt Dir dann nur noch Mut zu Einem Wege . . .

    2. Betrachte wie doch das Ferne Deinem Verstande zuverläßig nahe tritt. Denn er wird ja das Seiende nicht aus dem Zusammenhange des Seienden abtrennen, weder so, daß es sich in seinem Gefüge überall gänzlich auflockere, noch so, daß es sich zusammenballe.

    3. Ein Gemeinsames [Zusammenhängendes] aber ist mir [das Seiende,] wo ich auch beginne. Denn dahin werde ich wieder zurückkommen.

    4. Wohlan, so will ich denn verkünden (Du aber nimm mein Wort zu Ohren), welche Wege der Forschung allein denkbar sind: der eine Weg, daß [das Seiende] ist und daß es unmöglich nicht sein kann, das ist der Weg der Überzeugung (denn er folgt der Wahrheit), der andere aber, daß es nicht ist und daß dies Nichtsein notwendig sei, dieser Pfad ist (so künde ich Dir) gänzlich unerforschbar. Denn das Nichtseiende kannst Du weder erkennen (es ist ja unausführbar) noch aussprechen.

    5. Denn [das Seiende] denken und sein ist dasselbe.

    6. Dies ist nötig zu sagen und zu denken, daß [nur] das Seiende existiert. Denn seine Existenz ist möglich, die des Nichtseienden dagegen nicht; das heiß' ich Dich wohl zu beherzigen. Es ist dies nämlich der erste Weg der Forschung, vor dem ich Dich warne. Sodann aber auch vor jenem, auf dem da einherschwanken nichts wissende Sterbliche, Doppelköpfe. Denn Ratlosigkeit lenkt den schwanken Sinn in ihrer Brust. So treiben sie hin stumm zugleich und blind die Ratlosen, urteilslose Haufen, denen Sein und Nichtsein für dasselbe gilt und nicht für dasselbe, für die es bei allem einen Gegenweg gibt.

    7. Denn unmöglich kann das Vorhandensein von Nichtseiendem zwingend erwiesen werden. Vielmehr halte Du Deine Gedanken von diesem Wege der Forschung ferne.

    8. So bleibt nur noch Kunde von Einem Wege, dass [das Seiende] existiert. Darauf stehn gar viele Merkzeichen; weil ungeboren, ist es auch unvergänglich, ganz, eingeboren, unerschütterlich und ohne Ende. Es war nie und wird nicht sein, weil es zusammen nur im Jetzt vorhanden ist als Ganzes, Einheitliches, Zusammenhängendes [Kontinuierliches]. Denn was für einen Ursprung willst Du für das Seiende ausfindig machen? Wie und woher sein Wachstum? [Weder aus dem Seienden kann es hervorgegangen sein; sonst gäbe es ja ein anderes Sein vorher], noch kann ich Dir gestatten [seinen Ursprung] aus dem Nichtseienden auszusprechen oder zu denken. Denn unaussprechbar und unausdenkbar ist es, wie es nicht vorhanden sein könnte. Welche Verpflichtung hätte es denn auch antreiben sollen, früher oder später mit dem Nichts zu beginnen und zu wachsen? So muß es also entweder auf alle Fälle oder überhaupt nicht vorhanden sein.

    Auch kann ja die Kraft der Überzeugung niemals einräumen, es könne aus Nichtseiendem irgend etwas anderes als eben Nichtseiendes hervorgehen. Drum hat die Gerechtigkeit Werden und Vergehen nicht aus ihren Banden freigegeben, sondern sie hält es fest[.] Die Entscheidung aber hierüber liegt in folgendem: es ist oder es ist nicht! Damit ist also notwendigerweise entschieden, den einen Weg als undenkbar und unsagbar beiseite zu lassen (es ist ja nicht der wahre Weg), den anderen aber als vorhanden und wirklich zu betrachten. Wie könnte nun demnach das Seiende in der Zukunft bestehen, wie könnte es einstmals entstanden sein? Denn entstand es, so ist es nicht und ebensowenig, wenn es in Zukunft einmal entstehen sollte. So ist Entstehen verlöscht und Vergehen verschollen.

    Auch teilbar ist es nicht, weil es ganz gleichartig ist. Und es gibt nirgend etwa ein stärkeres Sein, das seinen Zusammenhang hindern könnte, noch ein geringeres; es ist vielmehr ganz von Seiendem erfüllt. Darum ist es ganz zusammenhängend; denn ein Seiendes stößt dicht an das andere.

    Aber unbeweglich liegt es in den Schranken gewaltiger Bande ohne Anfang und Ende; denn Entstehen und Vergehen ist weit in die Ferne verschlagen, wohin sie die wahre Überzeugung verstieß; und als Selbiges im Selbigen verharrend ruht es in sich selbst und verharrt so standhaft alldort. Denn die starke Notwendigkeit hält es in den Banden der Schranke, die es rings umzirkt. Darum darf das Seiende nicht ohne Abschluß sein. Denn es ist mangellos. Fehlte ihm der, so wäre es eben durchaus mangelhaft.    Denken und des Gedankens Ziel ist ein und dasselbe; denn nicht ohne das Seiende, in dem es sich ausgesprochen findet, kannst Du das Denken antreffen.

Es gibt ja nichts und wird nichts anderes geben außerhalb des Seienden, da es ja das Schicksal an das unzerstückelte und unbewegliche Wesen gebunden hat. Darum muß alles leerer Schall sein, was die Sterblichen [in ihrer Sprache] festgelegt haben, überzeugt, es sei wahr: Werden sowohl als Vergehen, Sein sowohl als Nichtsein, Veränderung des Ortes und Wechsel der leuchtenden Farbe.

    Aber da eine letzte Grenze vorhanden, so ist [das Seiende] abgeschlossen nach allen Seiten hin, vergleichbar der Masse einer wohlgerundeten Kugel, von der Mitte nach allen Seiten hin gleich stark. Es darf ja nicht da und dort etwa größer oder schwächer sein.

Denn da gibt es weder ein Nichts, das eine Vereinigung aufhöbe, noch kann ein Seiendes irgendwie hier mehr, dort weniger vorhanden sein als das Seiende, da es ganz unverletzlich ist. Denn [der Mittelpunkt,] wohin es von allen Seiten gleichweit ist, zielt gleichmäßig auf die Grenzen.

    Damit beschließe ich mein verläßliches Reden und Denken über die Wahrheit. Von hier ab lerne die menschlichen Wahngedanken kennen, indem Du meiner Verse trüglichen Bau anhörst.

    Denn sie haben ihre Ansichten dahin festgelegt, zwei Formen zu benennen; von denen man [freilich] eine nicht [benennen] sollte (in diesem Punkte sind sie in die Irre gegangen). Sie schieden aber [beider] Gestalt gegensätzlich und sonderten ihre Merkzeichen voneinander: hier das ätherische Flammenfeuer, das milde, gar leichte, sich selber überall gleiche, dem anderen, aber ungleiche. Dagegen gerade entgegengesetzt die lichtlose Finsternis, ein dichtes und schweres Gebilde. Diese Welteinrichtung teile ich Dir, scheinbar wie sie ist, ganz mit; so ist's unmöglich, daß Dir irgend welche menschliche Ansicht den Rang ablaufe.

    9. Aber da alles [Einzelne] Licht und Finsternis benannt und nach ihren Kräften diese Namen diesen und jenen zugeteilt worden, so ist das All voll von Licht und zugleich von unsichtbarer Finsternis, die sich beide die Wage halten. Denn keinem kommt ein Anteil am anderen zu.

    10. Du wirst aber erfahren des Äthers Wesen und alle Sternbilder im Äther und der reinen klaren Sonnenfackel sengendes Wirken, und woher sie entstanden, und das irrende Wirken und Wesen des rundäugigen Mondes wirst Du erkunden, wirst aber auch erfahren, woher der rings umfassende Himmel entsproß und wie die Notwendigkeit ihn führend die Schranken der Gestirne festzuhalten zwang.

    11. [Ich will zu reden beginnen,] wie Erde und Sonne und Mond und der allumfassende Himmelsäther und die himmlische Milchstraße und der äußerste Olympos und der Sterne heiße Kraft zur Geburt strebten.

    12. Denn die engeren [Kränze] wurden angefüllt mit ungemischtem Feuer, die nach diesen folgenden mit Finsternis, dazwischen aber ergießt sich des Feuers Anteil. In der Mitte von diesen ist die Göttin, die alles lenkt. Denn überall regt sie weherfüllte Geburt und Paarung an, indem sie das Weib dem Manne zur Gattung sendet und umgekehrt den Mann dem Weibe.

    13. Zuerst erschuf sie [die Göttin] von allen Göttern den Eros.

    14. Nachterhellendes, um die Erde irrendes fremdes Licht.

    15. [Der Mond] stets schauend nach der Sonne Strahlen.

    15a. [P. nannte die Erde] ›im Wasser gewurzelt‹.

    16. Denn wie sich der Sinn jedesmal verhält in bezug auf die Mischung seiner vielfach irrenden Organe, so tritt er dem Menschen nahe. Denn ein und dasselbe ist's was denkt bei den Menschen allen und einzelnen: die Beschaffenheit seiner Organe. Denn das Mehrere ist der Gedanke.

    17. Auf der Rechten [der Gebärmutter entstehen] die Knaben, auf der Linken die Mädchen.

    18. Denn wenn Mann und Frau der Liebe Keime mischen, formt die Kraft, die sie in den Adern aus

[Parmenides aus Elea: Fragmente. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 104 (vgl. Diels-Vorsokr. Bd. 1, S. 148 ff.)]

 

 

Melissos aus Samos

Aus: Über die Natur oder über das Seiende

    1. Immerdar war, was da war, und immerdar wird es sein. Denn wär' es entstanden, so müßte es notwendigerweise vor dem Entstehen nichts sein. Wenn es nun also nichts war, so könnte unter keiner Bedingung etwas aus nichts entstehen.

    2. Sintemal es nun also nicht entstanden und doch ist und immer war und immer sein wird, so hat es auch keinen Anfang und kein Ende, sondern ist unendlich. Denn wär' es entstanden, so hätte es einen Anfang (denn es müßte ja, wenn entstanden, einmal angefangen haben) und ein Ende (denn es müßte ja, wenn entstanden, einmal geendet haben): hat es also nicht angefangen und nicht geendet, war es vielmehr immer und wird es immer sein, so hat es weder Anfang noch Ende. Denn unmöglich kann etwas immerdar sein, was nicht vollständig im Sein aufgeht.

    3. Sondern gleich wie es immerdar ist, so muß es auch immerdar der Größe nach unendlich sein.

    4. Nichts, was Anfang und Ende hat, ist ewig oder unendlich.

    5. Wäre es nicht eines, so würde es gegen ein anderes eine Grenze bilden.

    6. Denn falls es dies [nämlich unendlich, B 4] wäre, wäre es eins. Denn wäre es zwei Dinge, so könnten sie nicht unendlich sein, sondern bildeten gegen einander Grenzen.

    7. [1] So ist es denn ewig und unendlich und eins und vollständig gleichmäßig. [2] Und es könnte nicht [irgend einmal] untergehen oder sich vergrößern oder umgestalten, noch empfindet es Schmerz oder Leid. Denn empfände es dergleichen, so wäre es nicht mehr eines. Wird es nämlich anders, so muß notwendigerweise das, was ist, nicht mehr gleichmäßig vorhanden sein, sondern es muß das, was vorher vorhanden war, untergehen und das, was nicht vorhanden war, entstehen. Wenn es nun also in zehntausend Jahren auch nur um ein Haar anders würde, so muß es in der Ewigkeit vollständig zugrunde gehen. [3] Aber auch eine Umgestaltung ist unmöglich. Denn die frühere Gestaltung geht nicht unter und die nicht vorhandene entsteht nicht. Sintemal aber nichts dazukommt und nichts verloren geht oder anders wird, wie sollte es nach der Umgestaltung noch zu dem Seienden zählen? Denn würde etwas anders, dann wäre es ja bereits umgestaltet. [4] Auch empfindet es keinen Schmerz.

Denn es könnte nicht vollständig im Sein aufgehen, wenn es ihn empfände; denn ein Schmerz empfindendes Ding könnte nicht ewig sein und besitzt auch nicht dieselbe Kraft wie ein gesundes. Auch wär' es nicht gleichmäßig vorhanden, wenn es Schmerz empfände. Denn es empfände ihn doch über Zu- oder Abgang irgend eines Dinges, und es wäre so nicht mehr gleichmäßig vorhanden. [5] Auch könnte das Gesunde nicht wohl Schmerz empfinden. Denn dann ginge ja das Gesunde und das Vorhandene zu Grunde, und das Nichtvorhandene entstünde. [6] Und für die Leidempfindung gilt der Beweis ebenso. [7] Auch gibt es kein Leeres. Denn das Leere ist nichts, also kann das, was ja nichts ist, nicht vorhanden sein. Und es [das Seiende] kann sich [deswegen] auch nicht bewegen. Denn es kann nirgendshin ausweichen, sondern ist voll. Denn wär' es leer, so wich' es ins Leere aus. Da es nun kein Leeres gibt, so hat es keinen Raum zum Ausweichen. [8] Auch kann es kein Dicht oder Dünn geben. Denn das Dünne kann unmöglich ähnlich voll sein wie das Dichte, sondern durch das Dünne entsteht ja bereits etwas, das leerer ist als das Dichte. [9] Man muß aber folgenden Unterschied annehmen zwischen dem Vollen und dem Nichtvollen: faßt nämlich ein Ding etwas oder nimmt es noch etwas in sich auf, so ist es nicht voll; faßt es aber nichts und nimmt es nichts auf, so ist es voll. [10] So muß es demnach voll sein, wenn es nicht leer ist. Ist es also voll, dann bewegt es sich nicht

    8. [1]. Diese Darlegung bildet den wichtigsten Beweis für die Einzigkeit des Seins. Aber auch folgende [Punkte lassen] sich als Beweise [anführen]. [2] Gäb' es viele Dinge, so müßten sie dieselben Eigenschaftenbesitzen, die ich auch von dem Eins aussage. Wenn es nämlich Erde, Wasser, Luft und Feuer und Eisen und Gold gibt, und das eine lebend, das andere tot und schwarz und weiß und so weiter ist, was die Leute alles für wirklich halten, wenn das also vorhanden ist und wir richtig sehen und hören, so muß jedes von diesen Dingen die Eigenschaft besitzen, die wir von Anfang an ihm beigelegt haben, d.h. es darf nicht umschlagen oder anders werden, sondern jedes einzelne muß immerdar so sein, wie es gerade ist. Nun behaupten wir ja aber doch richtig zu sehen, zu hören und zu denken. [3] Und doch scheint uns das Warme kalt und das Kalte warm, das Harte weich und das Weiche hart zu werden und das Lebende zu sterben und aus dem Nichtlebenden [Lebendes] zu entstehen, und alle diese Veränderungen vor sich zu gehen, und nichts, was war und was jetzt ist, sich zu gleichen vielmehr das Eisen trotz seiner Härte in Berührung mit dem Finger sich abzureiben, indem es allmählich verschwindet, und [ebenso] Gold und Stein und alles, was sonst für fest gilt, und aus Wasser Erde und Stein zu entstehen. Daraus ergibt sich, daß wir das Wirkliche weder gehen noch verstehen können. [4] Das stimmt also nicht miteinander. Denn obgleich man behauptet, es gäbe viele ewige Dinge, die ihre [bestimmten] Gestalten und ihre Festigkeit besäßen, lehrt uns der Augenschein auf Grund der einzelnen Wahrnehmung, daß alles sich ändert und umschlägt. [5] Es liegt also auf der Hand, daß unser Blick sich täuschte, und daß der Anschein jener Vielheit von Dingen trügerisch ist. Denn wären sie wirklich, so Schlügen sie nicht um, sondern jedes bliebe so wie es vordem aussah. Denn stärker als die wirklich vorhandene Wahrheit ist nichts. [6] Schlägt aber etwas um, so geht das Vorhandene zugrunde und das Nichtvorhandene ist entstanden. So ergibt sich also: gäb' es eine Vielheit von Dingen, so müßten sie genau dieselben Eigenschaften besitzen wie das Eins.

    9. Wenn es also [überhaupt] vorhanden ist, so maß es eins sein. Ist es aber eins, so darf es keinen Körper besitzen. Besäße es Dicke, so besäße es auch Teile und wäre dann nicht mehr eines.

    10. Wenn das Seiende geteilt ist, dann bewegt es sich auch. Wenn es sich aber bewegt, dann hört sein Sein auf.

[Melissos aus Samos: Fragmente.. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 117 (vgl. Diels-Vorsokr. Bd. 1, S. 186 ff.)]

 

 

 

 

Zenon aus Elea

Fragmente

Aus: Über die Natur

    1. [Das der Größe nach Unendliche legte er vorher [vor fr. 3] nach demselben Beweisgang dar. Er zeigt zuerst, daß] wenn das Seiende keine Größe besitze, es auch nicht vorhanden sei. [Dann fährt er so fort:] Ist es aber vorhanden, so muß ein jeder seiner einzelnen Teile eine gewisse Größe und Dicke und Abstand vom anderen haben. Und dasselbe läßt sich von dem vor jenem liegenden Teile behaupten. Auch dieser wird natürlich Größe haben und es Wird ein anderer vor ihm liegen. Das Gleiche gilt also ein für alle Mal. Denn kein derartiger Teil desselben [des Ganzen] wird die äußerste Grenze bilden, und nie wird der eine ohne Beziehung zum anderen sein. Wenn es also viele Dinge gibt, so müssen sie notwendig zugleich klein  und groß sein: klein bis zur Nichtigkeit, groß bis zur Unendlichkeit.

    2. [In seiner Schrift, die viele Beweisgänge enthält, zeigt er in jedem, daß wer die Vielheit behauptet, sich in Widersprüche verwickelt. So ist einer dieser Gänge folgender. Er will zeigen, daß ›wenn es Vieles gibt,  dies zugleich groß und klein sein muß, und zwar groß bis zur Unendlichkeit und klein bis zur Nichtigkeit‹  [B 1]. Darin sucht er nun zu zeigen, daß ein Ding, das weder Größe noch Dicke noch Masse besitzt, überhaupt nicht vorhanden sein könne.] Denn würde es zu einer anderen Größe zugefügt [so lauten seine Worte], so würde es [jene] um nichts vergrößern. Denn wird eine Größe, die null ist, einer anderen hinzugefügt, so kann diese an Größe nichts gewinnen. Und so wäre denn bereits hiernach das Hinzugefügte gleich Null. Wenn ferner durch Abziehen [dieser Größe] die andere um nichts kleiner und andererseits durch Zufügen nicht größer werden wird, so war offenbar das Zugefügte wie das Abgezogene gleich Null. [Und dies führt Z. nicht aus, um das Eine aufzuheben, sondern weil ein jedes der vielen und unendlichen Dinge Größe haben muß. Denn vor jedem einzelnen, das man nimmt, muß stets wieder irgend ein anderes stehen wegen der Teilung ins Unendliche.

Dies legt er dar, nachdem er zuvor gezeigt, daß nichts Größe besitzt, weil jedes der vielen Dinge mit sich selbst identisch und eins sein muß.]

    3. [Was bedarf es langen Redens? Es steht ja auch in Zenon's Schrift selbst. Z. schreibt nämlich da, wo er zeigt, daß die Vielheit den Widerspruch der Begrenztheit und Unbegrenztheit identischer Dinge einschließt, wörtlich folgendes:]

    Wenn es Vieles gibt, so muß es notwendig gerade soviel Dinge geben als wirklich vorhanden sind, nicht mehr, nicht minder. Gibt es aber soviel Dinge als es eben gibt, so sind sie [der Zahl nach] begrenzt.    Wenn es Vieles gibt, so ist das Seiende [der Zahl nach] unbegrenzt. Denn zwischen den einzelnen Dingen liegen stets andere und zwischen jenen wieder andere. Und somit ist das Seiende unbegrenzt.

    4. [Z. hebt die Bewegung auf, wenn er behauptet:] Das Bewegte bewegt sich weder in dem Raume, in dem es sich befindet, noch in dem es sich nicht befindet. 

[Zenon aus Elea: Fragmente. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 124 (vgl. Diels-Vorsokr. Bd. 1, S. 173 ff.)]

 

 

 

Xenophanes aus Kolophon

Aus: Über die Natur

 

23. Ein einziger Gott, unter Göttern und Menschen der größte, weder an Gestalt den Sterblichen ähnlich noch an Gedanken.

24. [Die Gottheit] ist ganz Auge, ganz Geist, ganz Ohr.

25. Doch sonder Mühe schwingt er das All mit des Geistes Denkkraft.

26. Stets am selbigen Ort verharrt er sich nirgend bewegend, und es geziemt ihm nicht bald hierhin bald dorthin zu wandern.

27. Denn aus Erde ist alles, und zur Erde wird alles am Ende.

28. Dieses obere Ende der Erde erblickt man zu unseren Füßen an die Luft stoßen, das untere dagegen erstreckt sich ins Unermeßliche.

29. Erde und Wasser ist alles, was da wird und wächst.

30. Das Meer ist Quell des Wassers, Quell des Windes. Denn in den Wolken [würde kein Wehen des Windes, der] von innen [herausbläst, entstehen] ohne den großen Pontos, noch Fluten der Ströme, noch Regenwasser des Äthers; der große Pontos ist vielmehr der Vater der Wolken, Winde und Ströme. 31. Die Sonne sich über die Erde schwingend und sie erwärmend.

32. Und was sie Iris benennen, auch das ist seiner Natur nach nur eine Wolke, purpurn und hellrot und gelbgrün zu schauen.

33. Denn wir alle sind aus Erde und Wasser geboren.

34. Und was nun die Wahrheit betrifft, so gab es und wird es Niemand geben, der sie wüßte in bezug auf die Götter und alle Dinge, die ich nur immer erwähne. Denn spräche er auch einmal zufällig das allervollendetste, so weiß er's selber doch nicht. Denn nur Wahn ist allen beschieden.

35. Dies nun soll als wahrscheinlich hingestellt sein!

36. Alles, was sich nur immer der menschlichen Anschauung offenbart hat . . .

37. Und in gewissen Höhlen fürwahr tropft das Wasser herab.

38. Wenn Gott nicht den gelblichen Honig erschaffen hätte, so würde man meinen, die Feigen seien viel süßer [als alles andre].

39. Kirschbaum.

40. Frosch.

41. Grube.

[Xenophanes aus Kolophon: Fragmente.. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 98 (vgl. Diels-Vorsokr. Bd. 1, S. 63 ff.)]

 

 

Anaximenes aus Milet

Fragmente

Aus: Über die Natur

1. [Das sich zusammenziehende und verdichtende der Materie ist das Kalte, das Dünne und] Schlaffe [dagegen das Warme].

2. Wie unsre Seele Luft ist und uns dadurch zusammenhält, so umspannt auch die ganze Weltordnung Odem und Luft.

[Anaximenes aus Milet: Fragmente. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 86 (vgl. Diels-Vorsokr. Bd. 1, S. 26)]

 

 

 

Anaximandros aus Milet

Fragment

Aus: Über die Natur

Anfang der Dinge ist das Unendliche. Woraus aber ihnen die Geburt ist, dahin geht auch ihr Sterben nach der Notwendigkeit. Denn sie zahlen einander Strafe und Buße für ihre Ruchlosigkeit nach der Zeit Ordnung.

[Anaximandros aus Milet: Fragment. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 82 (vgl. Diels-Vorsokr. Bd. 1, S. 15)]

 

 


                     

canandanann  25-12-07

 

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